Als Susanne Kaufmann 1994 das Hotel Post in Bezau von ihrer Mutter übernahm, war sie 23 Jahre alt und erbte kein glamouröses Boutique-Hotel, sondern ein klassisches Kurhaus mit Moorpackungen und Schlammbädern. Was sie daraus machte — und welche Kosmetikmarke aus dieser Entscheidung hervorging — schrieb ein Stück österreichischer Unternehmergeschichte, das bis heute in Londoner Luxushotels, New Yorker Spas und Münchner Parfümerien weitergeschrieben wird. Susanne Kaufmann gehört heute zu den wenigen europäischen Gründerinnen, die in einem Tal mit 2.000 Einwohnern eine internationale Premiummarke aufgebaut haben — ohne Investor, ohne Risikokapital, ohne Marketingagentur.
Ein Tal, das alte Weisheiten bewahrte
Der Bregenzerwald in Vorarlberg ist kein touristisches Schaufenster. Es ist ein Tal, in dem die Generationen miteinander reden und die Kräuterkunde kein Hobby ist, sondern gelebtes Alltagswissen. Susanne Kaufmann wuchs dort auf — in eben jenem Bezau, das man auf der Landkarte leicht übersieht, das aber für die Geschichte ihrer Marke der entscheidende Ausgangspunkt ist.
Ihre Großmutter Irma war dabei die prägendste Figur. Jeden Sommer zog Irma mit der kleinen Susanne auf die Alm, sammelte Kräuter, stellte Arnikaschnaps her, rührte Salben und Öle an — Praktiken, die in der Region nicht als Alternativmedizin galten, sondern als das, was sie waren: bewährtes Wissen aus der alpinen Pflanzenwelt. Das Hotel Post selbst, das Irma als Restaurant für Postboten begonnen hatte und das sich über Jahrzehnte zum Kurhaus entwickelt hatte, trug diese Haltung in sich: Natur als Ressource, nicht als Kulisse.
Die Geschichte des Hotel Post Bezau begann 1850 mit einer ehemaligen Poststelle, in der Irma anfing, die Postboten zu bekochen — immer mit frischen Zutaten und saisonal. Was als Gastküche begann, wurde zur Familientradition über fünf Generationen.
Mit 23 Jahren ein Kurhotel übernehmen — und neu erfinden
Die meisten Unternehmensgründungsgeschichten beginnen mit einer Idee. Die Geschichte von Susanne Kaufmann beginnt mit einem Erbe — und der Entscheidung, was man damit macht. Als sie 1994 das Hotel übernahm, war das Haus ein klassisches Wellnesshotel der alten Schule: Kurgäste kamen für Schlammbäder und Mooranwendungen, das Angebot war branchenüblich, die Konkurrenz strukturell ähnlich aufgestellt.
In ihrer Jugend spritzte sie noch Kurgäste nach Schlammbädern mit dem Wasserschlauch ab — ein Bild, das zeigt, wie weit der Weg war, den sie vor sich hatte. Und doch: Kaufmann begann das Haus nicht einfach zu modernisieren. Sie stellte die Grundfrage neu. Was soll ein Ort sein, an dem Menschen sich erholen? Was bedeutet Schönheit, wenn man aus einem Tal kommt, in dem die Heilkraft der Natur kein Marketingbegriff, sondern Alltagsrealität ist?
Diese Fragen führten sie schließlich auch zur Kosmetik. Mit einer beliebigen, auch hochwertigen, Fremdmarke im Spa wäre der Bruch zu offensichtlich gewesen: außen alpines Kräuterwissen, innen Industrieformel. Also entwickelte sie eine eigene Linie — gemeinsam mit Pharmazeuten, Dermatologen und dem Kosmetikproduzenten Ingo Metzler, der in der Nachbargemeinde Egg im Bregenzerwald eine eigene Manufaktur betreibt und zu den Pionieren der Biokosmetik zählt.
2003: Zwanzig Produkte, ein Handschlag — und internationaler Hunger
Vor rund 20 Jahren fand das erste Gespräch zwischen Kaufmann und Metzler statt, am Ende stand ein Handschlag und ein „Lass uns das mal versuchen!” — die ersten 20 Produkte kamen an Weihnachten im Hotel an. Ursprünglich ausschließlich für Spa-Behandlungen gedacht, entwickelte sich sehr schnell eine Nachfrage von außerhalb des Hotels. Gäste wollten die Produkte mit nach Hause nehmen. Sie bestellten nach. Sie empfahlen die Marke weiter.
Heute umfasst das Sortiment von Susanne Kaufmann mehr als 90 Produkte — von Gesichtsseren über Körperpflegelinien bis zu Haarpflege, Wellness-Tees und Baderitualen. Die Produkte werden nach wie vor in der Manufaktur der Familie Metzler in Egg hergestellt, werden in ausgewählten Luxushotels und Spas weltweit eingesetzt und sind in Nischenperfümerien und Premiumboutiquen von London bis Tokio erhältlich. Die Produktion wird vollständig mit solaren, thermischen und erneuerbaren Energiequellen betrieben — ein Nachhaltigkeitsstandard, der 2003 noch ungewöhnlich war und heute als selbstverständliche Erwartung des Marktes gilt.
Das Produktsystem ist dabei bewusst übersichtlich strukturiert: Linie T für feuchtigkeitsarme Haut, Linie F für Mischhaut und unreine Haut, Linie A für Anti-Aging sowie Linie M für die Herrenpflege. Dazu kommen hauttypenunabhängige Spezialprodukte wie Peelings, Masken und Reinigungsgele. Keine Parabene, keine Silikone, keine synthetischen Duftstoffe, keine Tierversuche — all das nicht als neumodisches Versprechen, sondern als Gründungsprinzip, das die Marke von Anfang an definierte.
Die Kraft des Ortes als unkopierbarer Wettbewerbsvorteil
Was Susanne Kaufmanns Marke von vergleichbaren Naturkosmetiklinien unterscheidet, lässt sich nicht vollständig in Inhaltsstofflisten erfassen. Es ist die Herkunftsgeschichte — und die Tatsache, dass sie keine Marketingkonstruktion ist, sondern biografische Realität. Sie lebt noch heute in Bezau. Das Hotel Post steht, wo es immer stand. Die Kräuter wachsen, wo sie immer wuchsen.
Im Bregenzerwald, wo Kaufmann lebt, stehen die Kühe vor der Tür. Die Frauen in der Gegend sammelten alpine Kräuter für Tinkturen und Salben. Von ihrer Heilkraft musste dort niemand überzeugt werden. Diese Authentizität ist nicht käuflich — und sie ist der eigentliche Luxusfaktor einer Marke, deren Preise im Premium-Segment angesiedelt sind und deren Käuferinnen und Käufer genau das suchen: etwas Echtes.
Ihr Bruder, der Architekt Oskar Leo Kaufmann, gestaltete den Spa des Hotels — klare Linien, weiße Räume, viel Tageslicht, regionale Materialien wie Holz, Leder, Filz und handgewebtes Bregenzerwälder Leinen. Die Ästhetik der Marke und des Hotels ist kein Zufall, sondern gemeinsam entwickeltes Familienhandwerk: Reduktion auf das Wesentliche als Form von Respekt gegenüber dem Gast.
Das Hotel Post Bezau hat den World Spa Award in der Kategorie „Austria’s Best Wellness Retreat” mehrfach gewonnen und gilt als eines der führenden Wellnesshotels in Europa. Ein Detox-Retreat mit TCM kostet bei vier Nächten ab 1.450 Euro — ein Preispunkt, der zeigt, in welchem Marktsegment die Marke operiert, und der dennoch regelmäßig ausgebucht ist.
Healthy Aging statt Anti-Aging: Eine semantische Pionierleistung
Eine der interessantesten unternehmerischen Entscheidungen von Susanne Kaufmann betrifft die Sprache, mit der sie über ihre Produkte redet. Während die gesamte Kosmetikbranche seit Jahrzehnten den Begriff „Anti-Aging” wie ein Mantra verwendet, distanziert sie sich bewusst davon.
Kaufmann spricht lieber von „Renewing” oder „Healthy-Aging”-Produkten. Sie entwickelte sie, als sie knapp 40 war — kein Zufall: Die Produkte entstanden im Grunde immer für sie selbst. Cremes, Seren und Lotionen ermöglichen ein gepflegtes, gesundes Altern — jede Falte werde man damit nicht wegbügeln.
Diese Ehrlichkeit ist ungewöhnlich in einer Branche, die von Versprechen lebt. Sie ist auch klug: Kundinnen, die sich für Susanne Kaufmann entscheiden, suchen keine Wundermittel. Sie suchen Qualität, Transparenz und ein Markenversprechen, das hält. Das Wort „Healthy Aging” ist heute, gut zwanzig Jahre nach Kaufmanns erstem Produktlaunch, in der gesamten Beauty-Industrie etabliert. Damals war es noch kaum verwendet.
Internationaler Erfolg aus einem Ort mit 2.000 Einwohnern
Bezau hat laut aktuellen Zahlen knapp 2.000 Einwohner. Von dort aus hat Susanne Kaufmann eine Marke aufgebaut, die in Spas des Four Seasons in Miami, in ausgesuchten Londoner Hotels und in Premiumkosmetikgeschäften weltweit präsent ist. Das Spa-Konzept der Marke wird nicht nur im Bregenzerwald umgesetzt, sondern ist international lizenziert und in sorgfältig ausgewählten Partnerhotels weltweit verankert.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der internationale Premiumkosmetikmarkt ist hart umkämpft, dominiert von großen Konzernen mit riesigen Marketingbudgets. Eine familiengeführte Naturkosmetiklinie aus dem österreichischen Vorarlberg, die sich dort hält und wächst, verdankt das nicht einem einmaligen Trend — sondern der Konsistenz ihrer Geschichte und der Qualität ihrer Produkte.
FAQ: Häufige Fragen zu Susanne Kaufmann
Wer ist Susanne Kaufmann? Susanne Kaufmann ist eine österreichische Unternehmerin aus Bezau im Bregenzerwald. Sie führt das Hotel Post Bezau in fünfter Generation und gründete 2003 die gleichnamige Naturkosmetikmarke. Sie gilt als eine der Pionierinnen der europäischen Clean-Beauty-Bewegung.
Wo werden die Produkte von Susanne Kaufmann hergestellt? Alle Produkte werden im Bregenzerwald in Österreich hergestellt — in der Manufaktur der Familie Metzler im Ort Egg, unweit von Bezau. Die Produktion arbeitet vollständig mit erneuerbaren Energiequellen. Einmal wöchentlich sind Rundgänge durch die Manufaktur möglich.
Was unterscheidet Susanne Kaufmann von anderen Naturkosmetikmarken? Die Marke entstand nicht als Geschäftsidee, sondern aus einer gelebten Tradition: alpines Kräuterwissen, das Kaufmann von ihrer Großmutter Irma lernte, wurde gemeinsam mit Dermatologen und Pharmazeuten in moderne, hochwirksame Formulierungen übersetzt. Die Produkte sind frei von Parabenen, Silikonen und synthetischen Duftstoffen und zeichnen sich durch eine ungewöhnlich hohe Wirkstoffkonzentration aus.
Was ist das Hotel Post Bezau? Das Hotel Post Bezau ist ein seit 1850 bestehendes Familienhotel in Bezau, Vorarlberg, das Susanne Kaufmann seit 1994 führt. Es hat sich von einem klassischen Kurhotel zu einem international ausgezeichneten Wellness-Retreat entwickelt und gewann mehrfach den World Spa Award als bestes Wellness-Retreat Österreichs. Das Hotel bietet verschiedene Retreats an, darunter Detox-, Beauty- und Yoga-Programme.
Warum verwendet Susanne Kaufmann den Begriff „Healthy Aging” statt „Anti-Aging”? Kaufmann distanziert sich bewusst von der Sprache der klassischen Anti-Aging-Industrie, weil sie Produktversprechen ablehnt, die sie für unrealistisch hält. Ihre Produkte sollen die natürlichen Funktionen der Haut unterstützen und ein gepflegtes, gesundes Altern ermöglichen — ohne die Suggestion, Falten könnten vollständig beseitigt werden. Diese Haltung zur Transparenz ist ein Markenkernelement.
Fazit
Susanne Kaufmann hat keine Kosmetikmarke gegründet — sie hat eine Überzeugung in ein Produkt übersetzt. Die Überzeugung, dass Natur keine Notlösung ist, wenn die Chemie zu teuer wird, sondern der anspruchsvollste Ausgangsstoff überhaupt. Dass Luxus nicht Aufwand bedeutet, sondern Reduktion auf das Wirkliche. Und dass ein Ort, eine Familie und eine Großmutter namens Irma die überzeugendere Markengeschichte sind als jede Werbekampagne. Wer das verstanden hat, versteht auch, warum die Marke aus dem Bregenzerwald in Londoner Fünf-Sterne-Hotels steht — und warum das kein Widerspruch ist.
Aktuelle Blogbeiträge: Marie-Jeanette Ferch

