Neun Jahre hatte Stefan Raab Schweigen. Kein Interview, keine Bühne, kein Auftritt — nur das Dasein als unsichtbarer Produzent im Hintergrund. Als er im September 2024 mit dem Boxkampf gegen Regina Halmich sein Comeback ankündigte, war die Aufregung in Deutschland so groß wie bei kaum einem TV-Ereignis der vergangenen Jahrzehnte. Was seitdem passiert ist, lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: 670.000. So viele Menschen schauten zuletzt noch „Die Stefan Raab Show” — weniger als eine mittelmäßige Wiederholung auf einem Privatsender.
Der Deal, der alles veränderte — und was wirklich dahintersteckt
Dass Raab überhaupt zurückkehrte, war keine Selbstverständlichkeit. RTL-CEO Stephan Schmitter beschrieb im OMR-Podcast, wie schwer es gewesen sei, den Entertainer überhaupt zu einem ersten Gespräch zu bewegen. Man habe sich schließlich in einem Kölner Brauhaus getroffen — Currywurst, Schnitzel, viel Cola —, und Raab sei danach immer noch nicht überzeugt gewesen. Erst nach weiteren Gesprächen entstand ein Vertrag, der in der deutschen TV-Branche für Aufsehen sorgte: fünf Jahre, angeblich rund 90 Millionen Euro.
Für RTL war es der Coup des Jahres. Für Raab war es, wenn man seinen früheren Aussagen glaubt, eigentlich das Letzte, was er wollte. Er hatte 2015 seinen Abgang von ProSieben damit begründet, dass er nicht im Fernsehen alt werden wolle. Das ist ein Satz, den RTL-Chefin Inga Leschek sehr genau gekannt haben dürfte, als sie ihn trotzdem zurückholte.
Comeback, Format eins: Ein Missverständnis namens “Du gewinnst hier nicht die Million”
Das erste Format des Stefan Raab Comebacks war von Anfang an konzeptionell schwierig. „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab” startete im Herbst 2024 zunächst als reines Streaming-Angebot auf RTL+ — eine strategisch riskante Entscheidung, da Raabs Stärke immer das Live-Erlebnis vor Millionen Menschen war, nicht das Nischenangebot für zahlende Abonnenten.
Die Auftaktfolge im Streaming lockte solide Zahlen. Doch als die Show im Februar 2025 endlich ins lineare Free-TV wechselte, holte sie 1,59 Millionen Zuschauer — ein Wert, der zwar über dem RTL-Schnitt lag, aber in keiner Relation zu dem stand, was Raab auf ProSieben regelmäßig erreicht hatte. Danach ging es bergab. Im März 2025 fiel der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen erstmals unter die 10-Prozent-Marke — ein Wert, der sogar unter dem 12-Monats-Durchschnitt des Senders lag. Im Mai 2025 war klar: Das Format wird eingestellt. RTL-Programmchefin Leschek räumte ein, Mischformate seien „grundsätzlich schwer vermittelbar” — eine indirekte Kritik am eigenen Konzept.
Das strukturelle Problem: Raab und RTL passen nicht zusammen
Hier liegt der Kern, den die meisten Berichte über das Comeback übersehen. Stefan Raabs Erfolg auf ProSieben war kein Zufall und kein persönliches Talent allein — er war das Ergebnis jahrzehntelanger Kontrolle über jeden Aspekt seiner Arbeit. Raab produzierte bei ProSieben unter dem Dach seiner eigenen Firma. Er bestimmte Format, Timing, Gäste, Redaktion. TV total lief über 16 Jahre und wurde zum Maßstab für deutsches Late-Night-Entertainment, weil Raab die Freiheit hatte, das Format organisch wachsen zu lassen. Schlag den Raab funktionierte, weil er das Konzept entwickelt und kontrolliert hatte.
Bei RTL ist die Ausgangslage eine andere. Es ist ein Sender mit einem klar definierten Publikum, einem prall gefüllten Vorabend, einer Primetime, die kommerziellen Druck erzeugt, und einer Senderlandschaft, in der ein Mittwochabend-Slot gegen „Aktenzeichen XY” im ZDF zu bestehen hat. Raab war nie ein Sender-Showmaster, der sich in bestehende Strukturen einpasst — er war immer der Strukturgeber selbst. RTL hat jemanden verpflichtet, der auf eigenen Bedingungen erfolgreich ist, und ihn dann in einen Kontext gesteckt, der diese Bedingungen nicht bieten kann.
Comeback, Format zwei: Der zweite Anlauf läuft noch
Nachdem „Du gewinnst hier nicht die Million” eingestellt war, gab RTL Raab eine zweite Chance. Ab September 2025 lief „Die Stefan Raab Show” — eine wöchentliche Late-Night am Mittwochabend um 20:15 Uhr. RTL startete die Show mit einer aufwändigen Promo-Offensive: Fünf Tage lang liefen in der Woche vor dem Start täglich 15-minütige Mini-Ausgaben in der Primetime.
Der Effekt war kurzfristig. Die Zahlen sanken schnell auf ein Niveau, das sogar unter dem des bereits eingestellten Vorgängers lag. Zuletzt sahen noch rund 670.000 Menschen zu — in einem Land mit 84 Millionen Einwohnern eine ernüchternde Zahl für einen 90-Millionen-Euro-Deal.
Parallel dazu lief mit „Stefan und Bully gegen irgendson Schnulli” ein Format, das deutlich besser ankam. Die erste Ausgabe Ende 2024 holte 18,8 Prozent Marktanteil in der jungen Zielgruppe und 1,86 Millionen Zuschauer insgesamt — Zahlen, die zeigen, dass Raab nicht grundsätzlich gescheitert ist. Das Format ist im Grunde ein modernisiertes „Schlag den Raab”, ein Konzept, das Raab erfunden und jahrelang besessen hat. Wenn er auf seinen eigenen Ideen aufbaut, funktioniert es. Wenn RTL ihm ein Konzept vorgibt oder er ein fremdes adaptiert, nicht.
Der unbequeme Kontext: RTL entlässt 600 Mitarbeiter — und Raab bleibt
Im Januar 2026 gab RTL Deutschland eine umfangreiche Restrukturierung bekannt: 600 Stellen werden gestrichen, darunter rund 230 beim Nachrichtenbereich. Magazine wie „Gala” bei RTL und „Prominent” bei VOX wurden eingestellt. Für Mitarbeiterinnen, die ihre Stellen verloren, war die Nachricht ein Schock — für viele war sie auch eng verbunden mit einem Namen: Stefan Raab.
Unter Social-Media-Posts trauernder Kollegen tauchten Kommentare auf wie „Hoffentlich wird Stefan Raab auch gestrichen” und „Um Stefan Raab zu bezahlen, hat RTL Geld”. Das ist keine sachliche Medienkritik, aber es ist ein Stimmungsbarometer. Intern bei RTL kippt die Wahrnehmung, wie Recherchen nahelegen. Raab ist nicht mehr der Hoffnungsträger — er ist zur Belastung geworden, die man sich vertraglich aufgehalst hat und nicht so einfach loswerden kann.
Trotz alledem: „Die Stefan Raab Show” kehrte am 11. Februar 2026 zurück ins RTL-Programm. Der Fünfjahresvertrag läuft, und Raab selbst verabschiedete sich im Dezember 2025 mit dem Versprechen: „Keine Angst, wir kommen natürlich zurück.”
Was bleibt: Das Comeback, das kein Ende findet
Das Paradoxe an Stefan Raabs Rückkehr ist, dass sie gleichzeitig zu viel und zu wenig ist. Zu viel, weil RTL ihn zu oft, zu wöchentlich und mit zu wenig Substanz eingesetzt hat — 2025 war Raab nahezu pausenlos präsent, was seiner Fähigkeit schadet, Ereignischarakter zu erzeugen. Das war auf ProSieben anders: Ein Schlag-den-Raab-Abend war ein Ereignis, weil er nicht wöchentlich stattfand. Zu wenig, weil es ihm bisher nicht gelungen ist, auf RTL etwas zu schaffen, das sich als sein eigenständiges Werk anfühlt.
Das Publikum ist nicht uninteressiert an Raab — der Boxkampf gegen Regina Halmich im September 2024 verfolgten 5,9 Millionen Menschen. Die Frage ist, ob das Publikum an einem wöchentlichen Raab interessiert ist, der in einem fremden Senderkontext funktionieren soll. Bislang lautet die Antwort: Nein.
Medienmagazin DWDL kürte das Raab-Comeback zur „medialen Peinlichkeit des Jahres 2025″ — mit einer Abstimmungsmehrheit von Tausenden Leserinnen und Lesern. Das ist ein hartes Urteil. Aber es ist vor allem ein Urteil über ein Konstrukt, nicht über einen Menschen.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zum Stefan Raab Comeback
Wann und wie begann Stefan Raabs Comeback? Das Stefan Raab Comeback startete offiziell am 14. September 2024 mit dem Boxkampf gegen Regina Halmich auf RTL. Es war ihr drittes Aufeinandertreffen und markierte Raabs erste öffentliche TV-Präsenz nach neun Jahren Pause seit seinem Abschied von ProSieben im Jahr 2015. Den Kampf verfolgten rund 5,9 Millionen Menschen.
Welche Shows hat Stefan Raab seit dem Comeback bei RTL gemacht? Raab produzierte und moderierte mehrere Formate: „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab” (zunächst auf RTL+, ab Februar 2025 im Free-TV, eingestellt Mai 2025), „Stefan und Bully gegen irgendson Schnulli” (Samstagabendshow mit Michael Herbig), „Die Unzerquizbaren” (Quiz mit Elton) sowie ab September 2025 „Die Stefan Raab Show” als wöchentliche Late-Night-Show. Außerdem war er für den deutschen ESC-Vorentscheid 2025 verantwortlich.
Warum sind Stefan Raabs Quoten so schlecht? Die Gründe sind mehrschichtig. Raabs Stil — Kontrolle, eigene Konzepte, Ereignisformat — passt strukturell schlecht zum wöchentlichen RTL-Senderalltag. Das erste Format war konzeptionell als Mischformat schwer zugänglich. Die Konkurrenz am Mittwochabend, vor allem „Aktenzeichen XY” im ZDF, ist stark. Hinzu kommt, dass Raabs Fans ihn in den neun Jahren Pause nicht verloren haben — aber das wöchentliche TV-Schauen verlernt haben.
Wie viel verdient Stefan Raab mit seinem RTL-Vertrag? Laut mehreren Medienberichten soll Raab einen Fünfjahresvertrag mit RTL abgeschlossen haben, der ihm rund 90 Millionen Euro einbringen soll. RTL hat diese Summe offiziell nie bestätigt, aber auch nicht dementiert.
Geht Stefan Raabs Show 2026 weiter? Ja. Trotz schwacher Quoten und trotz massiver Stellenstreichungen bei RTL Deutschland kehrte „Die Stefan Raab Show” am 11. Februar 2026 ins Programm zurück. Der Fünfjahresvertrag läuft noch mehrere Jahre, was RTL wenig Spielraum gibt, das Verhältnis kurzfristig zu beenden. Raab selbst kündigte die Rückkehr im Dezember 2025 persönlich an.
Fazit
Stefan Raabs Comeback ist kein persönliches Scheitern — es ist das Ergebnis eines strukturellen Fehlers, den RTL und Raab gemeinsam begangen haben. Der Sender hat einen Künstler zurückgeholt, der Fernsehen nur dann gut macht, wenn er die Bedingungen selbst diktiert. Solange RTL das nicht akzeptiert und ihm das Format gibt, das zu ihm passt — seltener, eigenwilliger, mit Ereignischarakter —, wird das Comeback das bleiben, was es bisher ist: teuer, wöchentlich und weitgehend folgenlos.
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